Familie,  Geschrieben

Dann war alles anders… Leben und Sterben mit Kindern

Wie beantwortet man Kinderfragen nach dem Tod und Sterben?

Und dann war der Tag gekommen, an dem Moritz auf die Welt kommen sollte. Amelie hat sich so sehr auf ihren kleinen Bruder gefreut. Doch auf dem letzten Schritt ins Leben passierte so etwas wie ein Unfall. Die Ärzte konnten Moritz gerade so noch am Leben halten. Er war sehr krank.

aus: Moritz trifft die Entscheidung seines Lebens

Wie erklärt man einer Vierjährigen, dass sie den kleinen Bruder nicht auf dem Arm halten kann? Warum sie nicht ihm spielen kann, so wie das ihre Freundinnen mit den kleinen Geschwistern machen? Wie soll man ihr erklären, dass ihr Bruder immer an Schläuche angeschlossen sein wird? Niemand sagen kann, wie lange er leben wird oder ob er bald sterben muss. Als uns das passierte, hatten wir von alldem keine Ahnung. Denn wir konnten selbst nicht begreifen, was los war. Wie können Leben und Tod so nah beieinander liegen?

Nicht vorhersehbare Komplikationen

Die Schwangerschaft und Moritz‘ Geburt verliefen ohne Komplikationen. Erst kurz nachdem er geboren war, veränderte sich die Atmosphäre im Kreissaal. Plötzlich wurden die Geburtshelfer hektisch. Einer sprach davon, dass das Baby tot sei, ein anderer reanimierte. Und wir Eltern waren hilflos.

Dann mussten wir stark sein. Wir verbrachten viele Stunden in der Klinik, wachten am Bett unseres Sohnes. Das Personal der Intensivstation bereitete uns auf das Schlimmste vor und klärte uns über Untersuchungen auf. Wir schenkten Moritz unsere ganze Liebe und Hoffnung. Zu Hause wartete Amelie (liebevoll umsorgt von den Großeltern), die ihre kleine Welt nicht mehr verstand. Die Eltern oft weg, der Bruder nicht da. Nach einigen Wochen kehrte für sie – oberflächlich gesehen – der Alltag wieder ein. Und doch war alles ganz anders als erwartet: Moritz verstarb.

Wie sieht Sterben aus?

Als Amelie Moritz in seinem Bettchen liegen sah, dachte sie: Er sieht gar nicht „gestorben“ aus. Er sieht aus wie immer. Sie sagte: „Moritz ist nicht tot. Er schläft.“

aus: Moritz trifft die Entscheidung seines Lebens

Wie erklärt man einer Vierjährigen den Tod und all die anderen Fragen, die damit zusammenhängen? Was passiert nach dem Tod? Was ist eine Beerdigung? Warum sind die Menschen traurig, wenn jemand sterben muss? Uns war es in dieser Situation wichtig, dass wir unsere Tochter nicht anlügen. Ein Leitgedanke unserer Erziehung ist schon immer Ehrlichkeit und Authenzität. Wir wollten ihr nicht glaubhaft machen, dass ihr kleiner Bruder jetzt auf einer Wolke sitzt und auf uns herabschaut oder verreist ist. Sie musste den Verlust akzeptieren können. Uns allen fällt es schwer zu begreifen, dass der Verstorbene nie wieder kommen wird und die gemeinsame Zeit nur in der Erinnerung fortlebt.

Dem Leben und dem Tod stellen

Wie beantwortet man Kinderfragen nach dem Tod und Sterben?

Manch einer wird jetzt entsetzt sein. Ja ich finde, auch eine Vierjährige muss sich dem Leben stellen. Und dazu gehört auch der Tod. Früher oder später wird jedes Kind mit Vergänglichkeit und Tod konfrontiert, sei es beim Auffinden eines toten Vogels, beim Verlust eines Haustieres oder beim Sterben eines Familienangehörigen. Das Wichtigste ist es, Kinder und ihre Anliegen ernst zu nehmen. Keine Frage, der Tod ihres Bruders darf Amelie selbstverständlich auch emotional berühren.

Uns hat es sehr geholfen, miteinander zu reden – auch wenn es nicht immer leicht ist, auf die anderen und ihre anders ausgelebte Trauer einzugehen. Doch es hilft. Amelie durfte und sollte auch sehen, dass wir Eltern um Moritz weinten. Wir wollten unsere Gefühle nicht vor ihr verstecken. Dadurch gelang es uns (so empfanden wir zumindest), dass die Trauer nicht zu viel Raum in unserem Leben eingenommen hat. Denn Amelie zuliebe wollten wir auch gemeinsam spielen und feiern. Und das tat letztendlich auch uns Eltern gut.

Den eigenen Weg der Trauer gehen

Es ist wichtig, dass jede betroffene Familie ihren ganz eigenen Trauerweg geht und sich bewusst macht, dass das Leben „danach“ anders wird, aber auch wieder schön werden kann. Uns hat die „Moritz“-Kiste, eine Box mit all den Erinnerungen an den Jungen, geholfen. Sie hat einen Platz in unserem Wohnzimmer. Wann immer jemandem danach ist, darf er sie hervorholen und die Dinge darin in die Hand nehmen.

In das Fell des Plüschhasen haben wir schon so manche Träne geweint. Das kleine Fotoalbum, das uns die Krankenschwestern der Intensivstation geschenkt hatten, ist schon ganz abgegriffen vom vielen Durchblättern. Und die tröstenden Worte der vielen Karten von Freunden und Bekannten lesen wir auch heute noch gerne.

Miteinander reden hilft

Das Grab ist ein Ort, an dem wir Moritz besuchen können. Die Blumen und den Schmuck für das Grab, etwa ein Windrad, suchen wir gemeinsam mit Amelie aus. Oft reden wir darüber, was Moritz wohl am liebsten auf dem Spielplatz tun würde. Oder ob er beim Sandburgenbauen im Urlaub am Meer ebenso viel Spaß hätte, wie Amelie. Was wäre sein Lieblingsbuch? Welche Farbe hätte sein Fahrrad? Würde ihm das neue Kleid seiner Schwester gefallen?

Sie gehen ein neues Kleid für Amelie kaufen. Denn für ein großes Fest wie eine Beerdigung braucht man ein neues Kleid, findet Amelie.

aus: Moritz trifft die Entscheidung seines Lebens

Nochmal zurück zu der Frage: Wie erklärt man einer Vierjährigen den Tod und all die anderen Fragen, die damit zusammenhängen?

Das passende Bilderbuch

Wir suchten nach einem altersgerechten Bilderbuch, das den Tod eines Kindes anschaulich erklärt. Auch wenn wir viele ihrer Fragen beantworteten, beschäftigte sie das Thema sehr lange. Und nicht immer gelang es uns, die richtigen Worte über das Sterben, Verlust und Trauer zu finden. Es gibt viele Kinderbücher zum Thema Tod. Doch nur selten ist das erste Buch auch das richtige Buch. Denn jedes Kinderbuch nähert sich dem Thema anders. Manchmal kündigt sich das Sterben lange zuvor an. Manchmal kommt der Tod sehr plötzlich und unerwartet. Gern gesehen ist er wohl nie.

Doch Kindern gehen meist mit dem Thema unbefangener um, als Erwachsene. Deshalb kann manch ein Bilderbuch für Erwachsene befremdlich wirken, aber für Kinder genau richtig sein. Damit ich meiner Tochter ein Buch vorlas, musste es zu mir und meinen Vorstellungen passen.

Was ist mir wichtig?

  • Wer ist gestorben?
    Es war mir wichtig, dass in dem Buch auch ein Geschwisterkind stirbt. In Büchern wird oft der Tod eines Elternteils, der Großeltern oder des Haustiers thematisiert.
  • Warum ist jemand gestorben? In einigen Bilderbüchern bleibt dies offen, in anderen wird der Tod im hohen Alter oder aufgrund einer Krankheit behandelt.
  • Was passiert nach dem Tod? Es gibt viele Vorstellungen über das Sterben und das Danach. Bevor man ein Kinderbuch zum Thema liest, sollte man überlegen, was man selbst glaubt und ob dies mit der Botschaft des Buches übereinstimmt.

Was ich wollte, gab es nicht. Oftmals drehten sich die Geschichten um Tiere. Das fand ich für meine Tochter zu abstrakt. Oder es ging um alte Menschen. Doch ich wollte ihr keine Angst machen, dass der Uropa plötzlich auch sterben könnte. Ich wollte ihr auch kein Buch vorlesen, in dem der Tod als Figur dargestellt wird. Ich habe damals kein Buch gefunden, dass das Sterben eines Geschwisterkindes thematisiert.

Betroffene sind auf der Suche

Dabei kommt das gar nicht selten vor, wie ich aus persönlichen Gesprächen weiß. Immer wieder erzählen mir betroffene Eltern, Angehörige oder Trauerbegleiter, dass sie auf der Suche nach einem passenden Bilderbuch seien.

Wie beantwortet man Kinderfragen nach dem Tod und Sterben?

Also setzte ich mich hin und schrieb unsere eigene Geschichte auf. Ich zeichnete für Amelie ihre Erlebnisse aus jener Zeit auf. So schuf ich zum einen ein ganz persönliches Buch für sie, aus dem wir ihr damals oft vorlasen. Wir packten ihre Erinnerungen, die sie auch in späteren Jahren noch zur Hand nehmen kann, zwischen die Seiten.

Wenn ich anderen Betroffenen oder Trauerbegleitern von dem Buch erzähle, ist es gern gelesener Schatz, der auch anderen hilft, mit einem ähnlichen Verlust fertig zu werden.

Auch auf der Suche? Hier gibt es Hilfe

Die folgenden Bloggs bieten eine umfangreiche Empfehlungsliste an Bilderbücher zum Thema:

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Fotos: privat

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