Familie,  Geschrieben,  In eigener Sache

Ich will ins Internat! Wenn Eltern loslassen müssen

Dieser Text von mir zum Wunsch des Internats-Besuchs meiner Tochter erschien als Gastbeitrag auf dem Blog „Stadt-Land-Mama“ am 23. September 2019

Papa, Mama, ich möchte auf ein Internat.“ Als unsere elfjährige Tochter Anfang des Jahres diesen Satz in einem, bis dahin belanglosen Gespräch fallen ließ, war ich sprachlos. Zu viele Fragen schwirrten mir im Kopf herum. Warum? Was haben wir Eltern falsch gemacht? Wird sie in ihrer Schule gemobbt? Ist etwas Schlimmes passiert?

Nein, nichts war passiert, versicherte unsere Tochter uns glaubhaft. Das bestätigten auch die intensiven Gespräche mit dem Vertrauenslehrer. Sie war einfach neugierig und wollte diese Form des Zusammenlebens und -lernens mit Gleichaltrigen ausprobieren. Ein Internatsleiter erklärte uns später, dass es häufig vorkomme, dass Kinder selbst den Wunsch äußern, ein Internat besuchen zu wollen. Ich vermute, der Wunsch entstammt einschlägiger Kinderliteratur. Wer würde nicht auch gerne nachts heimlich Partys im Internatskeller veranstalten, so wie Hanni und Nanni? Mal ehrlich, die Abenteuer von Harry Potter und seinen Freunden in der magischen Welt zwischen Gleis 9 ¾ und Hogwarts laden doch auch zum Mitmachen ein.

Recherche im Internet

In den Tagen, nachdem meine Tochter ihren Wunsch zum ersten Mal aussprach, recherchierte sie im Internet. Spätestens da merkte ich, dass sie es ernst meinte. Einen solchen Fleiß wie beim Vergleich der Internate zeigt sie sonst nur selten. Gemeinsam überlegten wir: Was ist ihr und uns Eltern wichtig bei der Auswahl? Sie legt Wert auf Schlafräume mit wenig Betten. Außerdem soll das Freizeitangebot attraktiv und die Fotos auf der Internetseite ansprechend sein.

Bisher war meine Tochter in Bayern zur Schule gegangen, was uns auch für die Zukunft wichtig ist. So würde sie es bei Bedarf leichter haben, an die alte Schule zurückzukehren. Um die Fahrzeiten gering zu halten, soll das Internet maximal eine Stunde Fahrzeit von zu Hause entfernt sein. Tja, und dann war da noch die Frage nach den Kosten. Schnell zeigte sich: Wir wollten und konnten nicht ein paar tausend Euro monatlich locker machen, um die Unterbringung und den Schulbesuch zu finanzieren.

Aus all diesen Gründen fiel unsere Wahl letztendlich auf ein staatliches Landschulheim in Nordbayern. Wir ließen ihr während des ganzen Vorbereitungsprozesses die Wahl, abzubrechen. Insgeheim hofften wir, ehrlich gesagt, sogar darauf, dass ihr doch angst und bange vor dem Internatsbesuch werden würde. Wir schauten uns das Anwesen an, führten Gespräche mit dem Internats- und dem Schulleiter. Wir machten uns während des laufenden Betriebs ein Bild vor Ort, sprachen mit Internatsschülern und Erziehern. Das ehemalige Schloss liegt malerisch in einem kleinen Ort, idyllisch eingebettet in die grüne Landschaft.

Romantisches Schloss inmitten grüner Natur

Mehrere Torbögen, gepflasterte Innenhöfe, ein romantischer Teich und viel Grün prägen das Anwesen. Eine repräsentative Treppe mit ausgetretenen Stufen führt in den Mädchentrakt, ausgeleuchtet von einem Kronleuchter; gleich nebenan ein prunkvoller Saal, der für feierliche Anlässe reserviert ist. Die Zimmer haben hohen Decken und Parkettboden. Die Möbel im Jugendherbergs-Stil passen allerdings weniger zum Ambiente. Aber sie sind ausreichend und zweckmäßig. Zusammen mit unserer Tochter haben wir die Schul- und Lernzeiten analysiert und die Regeln des Internatslebens studiert. Sie war von Anfang überzeugt: Genau dort möchte sie wohnen und lernen.

Kann ein Kind in diesem Alter einschätzen, was auf es zukommt? Vermutlich nicht. Wir füllten die vielen Anmeldeformulare trotzdem aus, meldeten einen Zweitwohnsitz an, unterschrieben, dass wir die Regelung zur Handynutzung gelesen hatten und versicherten, dass die mittlerweile Zwölfjährigen keine Drogen nimmt. Taten wir das Richtige? Keine Ahnung. Wir zweifelten und schickten die Unterlagen trotzdem weg – auf Wunsch unserer Tochter.

Wir wurden von Bekannten, Familienmitgliedern, aber auch Eltern anderer Kinder angesprochen: „Stimmt es, dass sie auf ein Internat gehen will?“ „Wisst ihr denn nicht, was dort alles passieren kann?“ Man warf uns vor, wir würden die Verantwortung für unsere Tochter an Fremde abschieben, wir würden das Mädchen veralteten pädagogischen Konzepten aussetzen. Sie würde sicherlich großes Heimweh bekommen und überhaupt mache man so etwas nicht, wenn man sein Kind liebe. Harte Brocken.

Wir waren in unserer ländlichen Wohngegend sämtlichen Vorurteilen ausgesetzt: „Internate sind Einrichtungen für schwer erziehbare Kinder.“ Nur reiche, karrierebesessene Eltern würden ihre Kinder in Internate stecken, um die schlechten Noten auszumerzen, die eine erfolgreiche Zukunft verhindern könnten. Die Liste der Klischees ist lange.

Vom Zusammenleben mit Gleichaltrigen profitieren

Wir fühlen uns nicht verstanden. Selbstverständlich fällt es uns schwer, unsere Tochter ziehen zu lassen. Wir haben Angst davor, die Kontrolle abzugeben. Doch es geht nicht um uns. Früher oder später müssen wir unsere Kinder gehen lassen. Warum sollten wir ihr diesen Schritt in die Selbstständig verwehren, wenn sie ihn unbedingt gehen möchte? Wir haben ihr unsere Bedenken vorgetragen. Sie weiß, dass sie sich in dem neuen Umfeld allein durchkämpfen muss.

Aus unserer Sicht ist das gleichzeitig eine Chance für die Schülerin. Wir hoffen, dass sie – lange Jahre Einzelkind – vom Zusammenleben mit Gleichaltrigen profitiert und ihre sozialen Kompetenzen ausbaut. Andererseits glauben wir, dass ihr der strukturierte Tagesablauf und die „erzwungene“ Selbstständigkeit guttun werden.

Schlechte Noten sind nicht der Grund, warum wir unsere Tochter ins Internat geben. Aber auch bei uns herrschten oft Streitereien um nicht erledigte Lernarbeiten oder nicht erfüllte Pflichten. Wir hoffen darauf, dass die gemeinsame Zeit an den Wochenenden ein höheres Maß an Qualität gewinnt, statt von Sätzen wie „Musst du nicht noch?“ oder „Denkst du an?“ dominiert zu sein.

Ankommen und loslassen

Zu Beginn des Schuljahres haben wir unsere Große, die jetzt eine Siebtklässlerin ist, ins Schloss gebracht, das Bett bezogen, den Kleiderschrank eingeräumt. Als wir ankamen, war nur eines der vier Betten im Zimmer belegt. Auf dem Boden davor saß eine junge Frau (geht sie wirklich erst in die siebte Klasse?) mit Stöpseln im Ohr und Handy in der Hand; daneben ein geöffneter Schminkkoffer, bei dessen Anblick ich mich fragte, wofür man wohl all diese Pinselchen braucht. Wo waren wir da hingeraten?

Einige Tage später erzählte mir meine Tochter, von den familiären Problemen des anderen Mädchens. Wir stellten fest, dass die anderen beiden Mädchen – so wie unsere Tochter auch – noch nicht viel mit Kosmetik zu tun hatten. Das beruhigte mich wieder etwas.

Mir zerriss es fast das Herz, als ich mein Kind am Abend allein – mit einer kleinen, liebevoll gepackten Schultüte – zurückließ. Ich hätte sie am liebsten sofort wieder mit nach Hause genommen. Doch sie ließ sich nichts von Heimweh anmerken. Ich wusste: Sie würde am nächsten Morgen zur Schule gehen und mir erst am Abend am Telefon von den Lehrern und Mitschülern berichten. Ich werde mich daran gewöhnen müssen, dass ich nicht mehr erste Anlaufstelle für ihre Fragen und Erzählungen bin.
Das erste Wochenende zu Hause war hingegen richtig schön. Das Mädchen erzählte ununterbrochen von ihren Erlebnissen. Man merkte ihr an, dass es ihr gefiel. Und das war das Wichtigste. Wir würden schon damit klarkommen. Nur ihr kleiner Bruder, der verstand die Welt am Montagfrüh nicht so recht. Er klopfte an ihre Zimmertüre. Ob sie verschlafen hatte? Keiner öffnete…

Andere Kinder, andere Gründe für den Internatsbesuch

In den wenigen Tagen im Internat hatte meine Tochter gleich eine neue Freundin gefunden, die mit ihr in einem Zimmer untergebracht ist und in die gleiche Klasse geht. Anders als unsere Tochter ist Louise (Name geändert) nicht ganz freiwillig im Internat. Zu Hause tanzt die Zwölfjährige ihren Eltern – beide in Vollzeit berufstätig – „auf der Nase herum“, wie ihr Vater in einem Gespräch erzählte. Louise halte sich nicht an Abmachungen, sie lerne nicht selbstständig und habe auch sonst allerlei „Blödsinn“ gemacht.  Tja, auch solche Fälle gibt es eben auch.

Ob es meiner Tochter auch nach den ersten Wochen im Internat gefallen wird, kann ich noch nicht sagen. Ein Zurück an die alte Schule und ein vollständiger Umzug nach Hause ist frühestens zum Halbjahr im Februar möglich. Das wusste sie von Anfang an.

Es ist ihr persönlicher Weg, den sie da eingeschlagen ist. Ich bewundere meine Tochter dafür, dass sie sich diesen Wunsch erfüllt hat. Selbst wenn es ihr auf Dauer nicht gefällt, so hat sie auf jeden Fall etwas Wichtiges für die Zukunft gelernt: Sie allein kann ihren Lebensweg gehen. Dazu hat sie die eigenen Ängste überwunden, die Bedenken der anderen abgewogen und ihre eigene Entscheidung getroffen.

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Foto: Alexis Nyal

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