Familie,  In eigener Sache,  Nachhaltigkeit

Weniger ist mehr: konsequentes Ausmisten

Zeit für Familie und Freunde, dank Reduktion und konsequentem Ausmisten.
Foto: Dorothea Fischer

Ein großes Haus, ein noch viel größerer Garten: Viele träumen von einem solchen Zuhause für die Familie. Von einem Paradies für Kinder mit Bäumen, Schaukel, Beerensträuchern zum Naschen und jeder Menge Platz zum Toben. Ein Kinderzimmer mit vielen Spielsachen. Ein Kleiderschrank mit Klamotten für jeden erdenklichen Anlass? Eine Küche, vollgestopft mit Lebensmitteln?

In unserer komsumorientierten Gesellschaft zeugt es von Wohlstand, wenn wir möglichst viel Besitz anhäufen. Permanent trichtert uns die Werbung ein, dass wir ständig Neues kaufen müssen, um überhaupt überlebensfähig zu sein. Wer genau hinsieht, dem fällt auf, dass Werbung uns einreden will, dass wir selbst nicht gut genug sind. Diesen vorgetäuschten Mangel soll das Konsumgut beheben. Dass wir damit nicht glücklicher werden, wissen wir in unserem Unterbewusstsein. Doch wer will das schon wahrhaben?

Die meisten von uns arbeiten, um Dinge zu besitzen, die ihren Lebensstandard repräsentieren. Sie arbeiten für diese Dinge und den Raum, den diese Dinge benötigen. Sie arbeiten für die Pflege und den Unterhalt dieser Dinge. Sie arbeiten dafür, dass sie diese Dinge an die nächste Generation weitergeben. Und sie arbeiten sogar für die Entsorgung dieser Dinge.

Wenig Zeit für die Familie

Genau wie den meisten anderen erging es auch mir und meiner Familie. Wir waren ständig damit beschäftigt, unser großes Haus und den riesigen Garten instand zu halten. Es gab immer etwas zu putzen oder zu reparieren, Unkraut zu jäten oder den Rasen zu mähen. Neben dem Alltag mit Kindern und Haushalt und den Jobs blieb für meinen Mann und mich kaum Zeit für gemeinsame Familienunternehmungen.

Deshalb taten wir das, wofür wir sowohl entsetze Reaktionen („Wie könnt ihr nur?“, aber zum Glück auch Verständnis („Ihr seht glücklicher aus“) ernteten: Wir verkauften Haus und Garten. Selbstverständlich wogen wir ab, ob das die richtige Entscheidung sei. Wir rissen die Kinder aus der gewohnten Umgebung. Wir muteten ihnen etwas Neues zu. Wir stellten uns auf eine unbekannte Zukunft ein. Selbstverständlich wägten wir Für und Wider gegeneinander ab. Und wir entschieden uns für den Verkauf.

Schließlich wollten wir mehr Zeit füreinander und für die Kinder. Verwundert fragten wir uns, warum sich so viele Menschen dagegen aussprachen (ganz abgesehen davon, dass es sie nichts anging). Schließlich ist das unser Leben, kein anderer kann es für uns leben. Wir haben erfahren, dass viele Menschen der Meinung sind, dass man Besitz hegt und pflegt. Doch warum daran festhalten, wenn es nicht (mehr) zum eigenen Leben passt?

Gestiegene Lebensqualität

Bereut haben wir die Entscheidung bis jetzt nicht. Im Gegenteil. Der Umzug vom Dorf in die nächstgelegene Kleinstadt hat unser Leben qualitativ bereichert. Wir leben in einer großzügigen Wohnung mit Blick ins Grüne, mit einer großen Terrasse, aber ohne Garten. Wir genießen es alle, gemeinsam schnell zu Fuß einzukaufen, auf einen Kaffee und eine Kugel Eis in die Innenstadt zu gehen oder durch die Fußgängerzone zu schlendern.

Nicht der gesamte Hausstand durfte mit in die neue Wohnung umziehen.
Foto: Jörg Huber

Wochenlanges Ausmisten

Als feststand, dass wir unseren Lebensraum verkleinern, war für uns auch klar, dass wir unseren Hausstand verkleinern. Radikales Ausmisten war angesagt. Angefangen bei den Möbeln überlegten wir uns sehr genau, was wir zukünftig zum Leben brauchen würden. Wir verkauften unseren überdimensionierten Esstisch und suchten nach einem Modell, das für unseren Vier-Personen-Haushalt genügen würde. Auch die Kommode aus dem Keller fand neue Besitzer. Als wir unsere Zweit-Couch verkauften, schüttelten wir mit den Köpfen. Es wurde uns erst da so richtig bewusst, dass wir die Zimmer unseres geräumigen Einfamilienhauses vollgestopft hatten. Viele der Dinge brauchten wir nicht.

Sie belasteten uns. Wir nutzten sie gar nicht mehr, weil sie defekt waren, oder unpraktisch oder einfach überflüssig. Nach den Möbeln machten wir uns ans Ausmisten. Es folgten Bücher, Elektrogeräte, Spielsachen, Textilien, Deko, Kleidung und Schuhe. Der Prozess des Ausmistens hatte Wochen gedauert. Täglich hatten wir Kartons ins Sozialkaufhaus gebracht, freuten uns über eBay-Verkäufe und das Lächeln, das wir Beschenkten ins Gesicht zauberten (die sich ihrerseits ebenfalls über die neuen Schätze freuten).

Anfangs fiel uns das Ausmisten sehr schwer. Doch je mehr Sachen wir weggaben, desto leichter fühlten wir uns. Das Bedürfnis nach Reduktion gleicht mittlerweile einer Sucht. Trotzdem haben wir keine Angst, dass wir zu viel weggeben. Auch jetzt, einige Monate nach dem Umzug, misten wir regelmäßig aus. In der vergangenen Woche war zum Beispiel das Kinderzimmer dran.

Klar Schiff im Kinderzimmer

Meine Tochter nahm ein Ding nach dem anderen aus dem Regal und wir überlegten gemeinsam, ob sie es braucht und wie oft sie es nutzt. Von den vier verschiedenen Filzstift-Sets behielt sie nur das eine, dessen Filzer noch alle malen. Die Tasche mit dem nicht mehr zu reparierenden Reißverschluss warfen wir weg.

Die Kisten mit dem Playmobil wanderten vorerst in den Keller. Wenn sie damit spielen will, kann sie sie von dort wieder hochholen. Wird sie das innerhalb einer festgesetzten Frist nicht, kommt es weg. Bücher, für die sie zu alt ist, verkaufen wir weiter. Von dem Erlös darf sie sich neuen Lesestoff aussuchen (weit kommt man mit den Cent-Beträgen allerdings nicht).

Für jedes neue Teil, das in unsere Wohnung kommt, muss ein anderes gehen. Es dürfen auch mehr Dinge gehen, als kommen.

Minimalismus-Regel in unserem Haushalt

Täglich ein Ding weggeben

Wir haben uns vorgenommen, täglich mindestens ein Ding loszuwerden – etwa indem wir etwas aufbrauchen und nicht nachkaufen (z.B. das letzte Papiertaschentuch; jetzt verwenden wir Stofftaschentücher). Mittlerweile machen wir fast schon so etwas wie einen Wettbewerb daraus: Welches Familienmitglied hat die besten Ideen?

Das Ausmisten machen wir selbstverständlich nicht nur für unser eigenes Wohlbefinden, sondern auch aus Gründen der Nachhaltigkeit. Muss etwa ein Ding ersetzt werden, achten wir auf Ressourcenschonung bei der Herstellung, einen sparsamen Energieverbrauch oder eine umweltfreundliche Entsorgungsmöglichkeit. Und Spaß macht es auch noch! Bei der Herstellung der Spülmaschinentabs oder des Waschmittels wird die Küche zum Chemielabor. Hier lernen die Kids fürs Leben.

Noch mehr Ideen zum Ausmisten

Oftmals haben wir Dinge aber schon zwei- oder dreifach und müssen sie gar nicht ersetzen, so wie zum Beispiel die Filzstifte im Kinderzimmer. Aus etwas Altem wird mittels einer guten Ideen und ein bisschen Geschick etwas tolles Neues. Ein ungeliebtes Geschenk geben wir auch schon mal an jemand anderen weiter, wenn wir der Meinung sind, dass er sich darüber freut (z.B. eine Dekoschale, die nicht unserem Stil entspricht, dem des anderen aber schon). Und die zu klein gewordenen Kleidungsstücke der Kinder geben wir weiter. Ressourcen schonen können wir auch, indem wir etwa das Zeitschriftenabo kündigen und stattdessen ein E-Paper lesen.


Ausmisten: Meine Erfahrungen

Durch bewusstes Weglassen gewinnen wir ein Mehr an Lebensqualität. Wir haben mehr Raum für Zufriedenheit, mehr Zeit, mehr Freiheit, mehr Kontrolle über unser Leben.

Es ist nicht unser Anliegen, das Prinzip des Ausmistens und Minimierens auszureizen oder dogmatisch zu werden. Jeder muss selbst entscheiden, wie er lebt und welche Dinge er dafür braucht.

Ausmisten – so geht’s

Ich kann euch diese beiden Bücher zum Thema empfehlen:

  • Einfach leben – Der Guide für einen minimalistischen Lebensstil,
    Lina Jachmann, Verlag: Knesebeck
  • Slow – einfach leben, Brooke McAlary, Verlag: Lübbe

Diese persönlichen Empfehlungen betreibe ich rein privat. Sie sind nicht als Werbung zu verstehen. Für das Veröffentlichen habe ich keinerlei Vorteile erhalten.

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